Darwin und James Loeb

 

Darwin-Buch aus dem Besitz von James Loeb kehrt nach Murnau zurück

Historischer Fund verbindet Darwinismus, Humanismus und die geistige Welt James Loebs

 

Die James Loeb Gesellschaft e. V. kann sich über einen außergewöhnlichen Neuzugang freuen: Ein Exemplar der frühen Ausgabe
von The Life and Letters of Charles Darwin aus dem Jahr 1888, herausgegeben von Francis Darwin, dem Sohn Charles Darwins,
kehrt in den geistigen Wirkungskreis seines einstigen Besitzers James Loeb zurück.

 

Das Werk wurde von dem belgischen Sammler Paul De Schepper aus Lokeren über viele Jahre bewahrt. Er hatte das Buch 2009
bei einem Antiquar auf der Isle of Man erworben und erst kürzlich entdeckt, dass sich im Vorsatz eine Besitzsignatur von
James Loeb befindet. Die elegante, kalligrafische Unterschrift stimmt bemerkenswert mit bekannten frühen Signaturen Loebs
aus den 1880er- und 1890er-Jahren überein.

 

Besonders faszinierend ist dabei nicht nur die Provenienz des Bandes, sondern auch  sein kulturhistorischer Kontext. Das Buch erschien
genau in jener Zeit, als James Loeb an der Harvard University studierte und sich in den intellektuellen Kreisen der amerikanischen
Ostküste bewegte. Charles Darwin war damals längst nicht mehr nur Naturforscher, sondern ein kulturelles Phänomen von weltweiter Bedeutung.

 

„Dieses Buch eröffnet einen seltenen Blick in die geistige Welt James Loebs“, erklärt Prof. Dr. Hans-Peter Söder, Vorstandsvorsitzender
der James Loeb Gesellschaft. „Es zeigt, dass sich klassischer Humanismus und die naturwissenschaftlichen Debatten der
Moderne keineswegs ausschließen. Vielmehr gehören sie zum selben kulturellen Horizont.“
 

Von besonderer Bedeutung ist auch die lateinische Widmung im Buch
                
“Opes adipiscendae ut dignis largiamur.”
„Wohlstand soll erworben werden, damit er den Würdigen zugutekommt.“

 

Die Inschrift wirkt heute beinahe wie ein programmatisches Motto für Loebs späteres Leben. Der Bankier, Mäzen und Humanist widmete
sein Vermögen der Förderung von Bildung, Kunst und Wissenschaft. Mit der Gründung der bis heute weltberühmten Loeb Classical Library
schuf er eines der bedeutendsten Bildungsprojekte des 20. Jahrhunderts. Auch archäologische, kulturelle und humanistische Vorhaben
unterstützte er nachhaltig.

 

Für die James Loeb Gesellschaft besitzt das Darwin-Buch daher weit mehr als bibliophilen Wert. Es dokumentiert eindrucksvoll,
wie eng wissenschaftliche Moderne und humanistische Bildung um 1900 miteinander verbunden waren.

 

Der bisherige Besitzer Paul De Schepper, der sich seit vielen Jahren intensiv mit Darwin, Biologie und Evolutionsgeschichte beschäftigt,
beschreibt alte Bücher als Träger lebendiger Geschichte: „Es ist etwas Besonderes, diese alten Bücher zu lesen. Man fragt sich, wer
sie einst in den Händen hielt, wer sie verschenkte und welche Gedanken sie begleitet haben.“
 

De Schepper betont zugleich, dass Darwin nicht nur als Wissenschaftler bedeutend sei, sondern auch als Schriftsteller:
„Weniger bekannt ist, dass Darwin ein großartiger Autor war. Manche halten ihn sogar für einen der besten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts.“
 

Dass dieses Werk nun den Weg zurück nach Murnau findet, versteht die James Loeb Gesellschaft als kleines kulturhistorisches Ereignis
und als symbolische Rückkehr eines Stücks geistiger Geschichte.